Anästhesie: Schlaf, mein Häslein, schlaf fein… – Heimtieranästhesie und Schmerzmanagement beim Kaninchen

In diesem Fachinterview von Dr. Sarah Gutmann, gibt Tierärztin Dr. Jenny Weidauer spannende Einblicke in die Heimtieranästhesie und das Schmerzmanagement bei Kaninchen. Erfahren Sie, die Besonderheiten und Risiken der Narkose bei Kaninchen, die präoperative Vorbereitung durch Besitzer und Tierarzt sowie verschiedene Narkosemethoden und die anschließende Nachsorge.
Graues Kaninchen blickt neugierig aus seinem Stall hervor.
Tiermedizinische Fachkraft in roter Kleidung hält ein entspanntes Stinktier im Arm in einer Tierarztpraxis.
Abbildung 1: Tierärztin Jenny Weidauer beschert nicht nur Kaninchen, sondern auch eher ungewöhnlichen Heimtieren, wie zum Beispiel Stinktieren, süße Träume. (Bildquelle: Jenny Weidauer)

In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit der Heimtieranästhesie und dem Schmerz-management beim Kaninchen. Hierfür habe ich mit der Tierärztin Jenny Weidauer aus der Klinik für Kleintiere der Universität Leipzig gesprochen. Jenny hat in Leipzig studiert und 2014 ihr Studium erfolgreich abgeschlossen. Anschließend begann sie an der Klinik für Kleintiere der Universität Leipzig als Tierärztin in der Abteilung für Anästhesie & Operative Intensivmedizin zu arbeiten. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in der Anästhesie und Schmerztherapie, ihr wissenschaftlicher Schwerpunkt vor allem bei Lokalanästhesien am Kopf von brachyzephalen Hunden. Sie befinden sich in der Weiterbildung zur Fachtierärztin für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie. Jenny beschert nicht nur gerne Kaninchen schöne Träume, sondern hat auch bereits diverse exotische Tieren schlafen gelegt (siehe Abbildung 1).

SG: Welche Aufklärung der Kaninchenbesitzer sollte vor einer Kaninchennarkose erfolgen? In diesem Zusammenhang: Wie hoch ist das Narkoserisiko bei Kaninchen?

JW: Die Allgemeinanästhesie eines Kaninchens geht im Vergleich zu Hund und Katze mit einem größeren Risiko einher. Die anästhesiebedingte Mortalitätsrate beträgt beim Kaninchen 1,39 %, im Vergleich dazu bei Hunden 0,17 % und bei Katzen 0,24 %. Je nach Zustand des Kaninchens schwankt sie bei gesunden Tieren zwischen 0,73 % und 7,37 % bei bereits erkrankten Tieren. Todesfälle treten häufiger postoperativ auf als während des Eingriffs. Kaninchen sind zudem sehr stressempfindlich, ein ruhiger Umgang mit ihnen ist besonders wichtig. Ansonsten ist ein plötzliches Versterben aufgrund einer starken Katecholaminausschüttung möglich. Eine umfassende präanästhetische Untersuchung dient der Erfassung des Allgemeinzustandes des Patienten. Falls nötig, kann eine entsprechende Therapie vor einem elektiven Eingriff den Zustand des Kaninchens verbessern und so das Narkoserisiko reduzieren. Eine Einordnung des Patienten in eine ASA-Gruppe ist sinnvoll, um das individuelle Narkoserisiko besser einschätzen zu können.

SG: Welche Möglichkeiten der Anästhesie bestehen beim Kaninchen?

JW: Je nach Dauer und Schmerzhaftigkeit des geplanten Eingriffes kann eine Injektionsanästhesie bzw. eine Inhalationsanästhesie erforderlich sein. Prinzipiell sollte die Narkoseeinleitung immer per Injektion erfolgen. Für kurze und wenig schmerzhafte Eingriff ist eine Injektionsanästhesie oft ausreichend. Die Inhalationsanästhesie ist gut steuerbar und bietet den Vorteil einer schnellen Aufwachphase. Eine Lokalanästhesie stellt je nach Prozedur eine sinnvolle analgetische Ergänzung zur Allgemeinanästhesie dar. Verwendung finden Lidocain (2 – 4 mg/kg), Mepivacain (2 mg/kg) und Bupivacain (2 mg/kg). Prinzipiell sollte die Anästhesie an den geplanten Eingriff angepasst sein und so kurz wie nötig andauern.

SG: Wie sollte das Kaninchen vor der Operation vorbereitet werden? Gibt es Dinge, die der Besitzer auch vorbereitend übernehmen kann oder beachten sollte?

JW: Da Kaninchen sehr stressanfällig sind, sollte der mit einem Tierarztbesuch einhergehende Stress während Transport, Handling und präanästhetischer Untersuchung so gut wie möglich minimiert werden. Nach der Untersuchung sollten Kaninchen im Optimalfall noch für einige Stunden in einer ruhigen und leicht abgedunkelten Umgebung untergebracht werden, um sich akklimatisieren zu können. Kaninchen sollten vor einer Narkose nicht nüchtern gehalten werden, um eine Hypoglykämie zu vermeiden. Die Gefahr des Erbrechens besteht, anders als bei Hund und Katze, bei Kaninchen nicht. Vor einer Narkose sollten Kaninchen nicht mit kohlenhydratreichem Futter wie Möhren oder Trockenfutter gefüttert werden, um das Risiko einer Aufgasung zu minimieren. Wasser sollte stets zur Verfügung stehen. Bei bereits bestehender Inappetenz muss das Kaninchen vor einer Narkose in jedem Fall assistiert gefüttert werden. Wenn nötig sollte vor einer Narkose eine Stabilisierung von Kreislauf und Temperatur erfolgen. Um einer ausgeprägten Hypothermie während der Narkose entgegen zu wirken, empfiehlt es sich, die Tiere vor dem Eingriff mittels Wärmematte vorzuwärmen.

Ergänzung zum i.v.-Zugang: Bei Kaninchen eignet sich die V. auricularis lateralis gut, um einen Venenkatheter zu legen. Durch längeres Anstauen wird sie gut sichtbar und kann dann mit einem 24 oder 26G Katheter punktiert werden. Zur Fixation eine Mullbinde oder eine Tupferrolle in die Ohrmuschel legen und den Katheter anschließend fixieren. Falls die Ohren zu klein sind, kann auch in die V. cephalica antebrachii oder die V. saphena lateralis ein Venenkatheter gelegt werden.

SG: Ist eine Intubation beim Kaninchen immer nötig? Wie intubiert man ein Kaninchen? Welche Tuben werden empfohlen?

JW: Aufgrund des erhöhten Narkoserisikos stellt die Atemwegssicherung per Tubus bzw. Larynxmaske einen entscheidenden Aspekt während einer Kaninchennarkose dar. Durch sie ist eine adäquate Überwachung der Atmung, bei Apnoe eine Beatmung und eine sichere Verabreichung von Sauerstoff möglich. Narkosemasken sind zwar einfach in der Anwendung, allerdings kann keine angemessene Atemwegssicherung gewährleistet werden. Die Intubation von Kaninchen ist nicht einfach und erfordert unabhängig von der Technik entsprechende Übung und Vorsicht.

Der Larynx ist sehr empfindlich und lässt sich nicht immer gut darstellen, außerdem neigen Kaninchen ähnlich wie Katzen zu einem Larynxspasmus. Der Tubus sollte für jedes Kaninchen individuell ausgewählt werden und so groß wie möglich sein, um den Atemwegswiderstand zu reduzieren. Allerdings besteht bei zu groß gewählten Tuben schnell die Gefahr einer Verletzung von Larynx oder Trachea. Je nach Größe des Kaninchens schwankt die Tubusgröße zwischen 1,5 bis 3 mm Innendurchmesser. Ein Tubus ohne Cuff ist ratsam, da der Atemwegsdurchmesser dadurch verkleinert und der Atemwegswiderstand vergrößert werden würde. Ein transparenter Tubus bietet den Vorteil, dass die korrekte Intubation durch Beschlagen im Inneren des Tubus leicht überprüft werden kann und eine möglichen Verlegung des Tubus mit Sekret schnell erkannt werden kann. Der Tubus sollte auch in der Länge an die Kaninchengröße angepasst bzw. entsprechend gekürzt werden, um eine zu tiefen Intubation zu vermeiden und um den Totraum zu minimieren. In diesem Zusammenhang ist ein Totraum- reduzierendes Ansatzstück für die Kapnographie am Tubus ebenso zu empfehlen. Die Intubation ist mit verschieden Techniken möglich. Sie kann blind oder unter Sichtkontrolle mit einem Laryngoskop bzw. einer Optik erfolgen. Vor der Intubation ist eine Präoxygenierung über 3-5min per Maske ratsam, zusätzlich sollte die Maulhöhle mit Tupfern gesäubert werden. Auf eine ausreichende Narkosetiefe ist zu achten.

Zur Vermeidung eines Larynxspasmus sollte ein Lidocain-Spray zur Lokalanästhesie auf den Kehlkopf gesprüht werden. Spezielles Gleitmittel, welches außen auf den Tubus aufgetragen wird, kann die Intubation zusätzlich erleichtern. Bei der blinden Intubation wird das Kaninchen in Brust-Bauch-Lage gebracht und der Kopf gerade nach oben gestreckt. Die Zunge wird vorsichtig herausgezogen. Nach der Applikation des Lokalanästhetikums auf den Larynx wird der passende Tubus vorsichtig in die Maulhöhle vorgeschoben, bis er regelmäßig bei der Exspiration von innen beschlägt. Wenn der Tubus unmittelbar vor der Rima glottidis liegt sind zusätzlich Atemgeräusche hörbar. Der Tubus wird nun mit Einsetzen der Inspirationsphase vorsichtig weiter vorgeschoben. Bei einer korrekten Intubation beschlägt der Tubus weiterhin von innen und Atemgeräusche sind ebenfalls vernehmbar. Durch ein vorgehaltenes Haarbüschel lässt sich der Luftstrom gut visualisieren. Eine entsprechende Kapnographie-Kurve kann ebenfalls der Kontrolle der korrekten Intubation dienen. Ist dies nicht der Fall, liegt der Tubus im Ösophagus. Bei der Intubation unter Sichtkontrolle wird das Kaninchen ebenfalls in Brust-Bauch-Lage positioniert und der Kopf überstreckt. Nun kann der Kehlkopf nach Herausziehen der Zunge je nach techn. Ausstattung mit einem (Video-)Laryngoskop bzw. einem sehr dünnen Endoskop dargestellt werden.

Nach entsprechender Lokalanästhesie erfolgt die Intubation unter Sichtkontrolle. Ist die Intubation nach dem 5. Versuch nicht erfolgreich, sollte sie aufgrund der hohen Verletzungsgefahr abgebrochen werden und auf eine Alternative zurückgegriffen werden. Hierzu eignen sich spezielle Larynxmasken für Kaninchen. Sie lassen sich schnell und einfach anwenden und bieten eine gute Alternative zur Atemwegssicherung. Das Kaninchen wird in Brust-Bauch-Lage gebracht, der Hals leicht überstreckt. Nachdem Lokalanästhesie auf den Larynx gesprüht wurde, wird die Maske mit einem speziellen Gleitmittel benetzt. Anschließend wird die Larynxmaske vorsichtig in der Maulhöhle positioniert, bis ein leichter Widerstand auftritt. Die korrekte Lage lässt sich mittels Kapnographie überprüfen. Dennoch ist bei der Anwendung der Maske zu beachten, dass sie leicht verrutschen kann und dann sogar eine Verlegung des Larynx möglich ist. Aus diesem Grund wird die Anwendung nur unter Verwendung einer Kapnographie empfohlen. Aufgrund ihrer Größe ist sie für Maulhöhleneingriffe allerdings nicht geeignet.

Schwarzes Kaninchen liegt für eine tiermedizinische Behandlung in Narkose auf einem OP-Tisch, angeschlossen an Überwachungsgeräte und Atemschlauch.
Abbildung 2: Kaninchen mit Larynxmaske, Überwachung mit EKG, Pulsoxymetrie, Kapnographie und nicht-invasiver Blutdruckmessung. (Bildquelle: Jenny Weidauer)

SG: Lass uns über einige Beispiele reden. Im ersten Beispiel soll das Kaninchen zur Diagnostik, nämlich zur Visualisierung einer Zahnpathologie mittels CT, in Narkose. Die Prozedur soll relativ kurz andauern und während der Untersuchung sind keine Schmerzen zu erwarten. Wie sollte ich vorgehen?

Die Wahl des Anästhesieprotokolls sollte individuell an jeden Patienten angepasst werden. Neben dem Allgemeinzustand (ASA-Gruppe) spielt auch die Dauer, die Art des Eingriffs und die techn. Ausstattung eine Rolle bei der Wahl geeigneter Anästhetika und Analgetika. Besteht nicht die Möglichkeit der Intubation, sollte auf stark atemdepressive Medikamente verzichtet bzw. diese nur in niedriger Dosierung verwendet werden. Bei Patienten ab ASA-Gruppe 3 empfiehlt sich die Überweisung in eine spezialisierte Einrichtung.

Für ASA-Gruppe 1-2 reicht eine Sedation wie nachfolgend aus:

0,2 – 0,5 mg/kg Butorphanol + 0,05 – 0,12 mg/kg Medetomidin in Mischspritze i.m. bzw. s.c.

Mit dieser Kombination erreicht man eine mittlere bis tiefe Sedation, welche für eine Maulhöhlenadspektion bzw. CT-Untersuchung gut geeignet ist. Um die Sedation zu vertiefen kann diese noch mit Ketamin (5 – 20 mg/kg) ergänzt werden. Eine Anästhesieeinleitung lässt sich mit hohen Dosen der Anästhetika bereits erreichen.

Ist das Kaninchen ASA-Gruppe 3-5 sollte die Sedation eher wie nachfolgend angepasst werden:

0,5 mg/kg Butorphanol + 0,5 mg/kg Midazolam in Mischspritze i.m. bzw. s.c.

Diese Kombination führt zu einer milden Sedation. Falls die Sedation für eine CT-Untersuchung nicht ausreichend ist, kann nach Legen eines Venenkatheters die Narkoseeinleitung erfolgen.

Einleitung mit 2 – 15 mg/kg Propofol langsam i.v. oder 1 – 5 mg/kg Alfaxalon langsam i.v. (Apnoegefahr bei zu schneller Gabe). Ggf. in Kombination mit Ketamin ( 2 – 10 mg/kg langsam i.v.) zur weiteren Vertiefung. Es sollte zusätzlich Sauerstoff verabreicht werden.

Eine Einleitung per Maske ist nicht zu empfehlen. Sie ist für Kaninchen mit viel Stress verbunden, starke Abwehrbewegungen können leicht zu Verletzungen führen. Kaninchen halten oft aufgrund des unangenehmen Geruchs die Luft an. Die Apnoephase führt oft zu einer ausgeprägten Hypoxie. Außerdem ist Isofluran stark schleimhautreizend.

Die Erhaltung der Narkose kann mit einer Maske mit Isofluran oder Sevofluran erfolgen. Neben der bereits genannten nicht adäquaten Atemwegssicherung besteht noch das Problem, dass die Maske oft nicht 100%ig abdichtet und somit Narkosegas in die Raumluft gelangt, welches die Mitarbeiter belasten kann.

SG: Im nächsten Beispiel soll das Kaninchen einen kurzen OP-Eingriff erhalten. Es handelt sich um ein männliches Kaninchen, das kastriert werden soll. Was sind die Empfehlungen für die Anästhesie und das anschließende Schmerzmanagement?

JW: 0,5 mg/kg Butorphanol + 0,05 mg/kg Medetomidin + 5 mg/kg Ketamin in Mischspritze i.m.

Zusätzlich 0,3 – 0,5 mg/kg Meloxicam s.c. und Lokalanästhesie (Lidocain) von Hoden (je 0,2 – 0,3 ml) und Schnittlinie (0,1 – 0,2 ml). Sauerstoff per Maske kann verabreicht werden.

Ggf. Vertiefung der Narkose mit 1 mg/kg Propofol langsam i.v. oder 1mg/kg Alfaxalon langsam i.v.

Ca. 40 min nach der Injektion kann das Medetomidin mit 1,0 mg/kg Atipamezol i.m. oder s.c. antagonisiert werden.

Für das postoperative Schmerzmanagement empfiehlt sich 0,3 – 0,5 mg/kg Meloxicam p.o. für 3 Tage.

SG: Im letzten Beispiel folgt noch ein langer Eingriff. Das Kaninchen muss zur Frakturversorgung an einer Hintergliedmaße in Narkose gelegt werden. Was sind hier die Empfehlungen für die Anästhesie und das anschließende Schmerzmanagement?

JW: 0,02 mg/kg Fentanyl + 0,2 mg/kg Medetomidin + 1,0 mg/kg Midazolam in Mischspritze i.m.

Bei Zwergkaninchen nur 2/3 der angegebenen Dosierung verwenden. Die Anästhesie ist vollständig antagonisierbar (1,0 mg/kg Atipamezol, 0,1 mg/kg Flumazenil, 0,03 mg/kg Naloxon i.m. oder s.c.; nach schmerzhaften Eingriffen sollte kein Naloxon verabreicht werden, 0,01 – 0,05 mg/kg Buprenorphin i.v. oder s.c. ist zur Fortführung der Analgesie gut geeignet).

Alternativ: 0,2 mg/kg Medetomidin + 10 – 15 mg/kg Ketamin in Mischspritze i.m.

Aufgrund der Atemdepression und der Länge des Eingriffs ist eine Intubation empfehlenswert. Die Erhaltung ist mit Isofluran oder Sevofluran in Sauerstoff möglich, die Kombination mit einem Fentanyl-Ketamin DTI i.v. (Fentanyl 4 µg/kg/h, 0,3 mg/kg/h Ketamin) gewährleistet eine gute Analgesie während des Eingriffs. Eine Epiduralanästhesie stellt eine gute analgetische Ergänzung dar. Zusätzlich sollte 0,3 – 0,5 mg/kg Meloxicam s.c. appliziert werden.

Für das postoperative Schmerzmanagement empfiehlt sich eine Kombination aus Opioid und NSAID, z.B. 0,01 – 0,05 mg/kg Buprenorphin alle 6 h i.v. oder s.c. und 0,3 – 0,5 mg/kg Meloxicam 1xtgl. s.c. oder p.o. .

Für Zahn-Op`s kann je nach erwarteter Schmerzhaftigkeit z.B. das Protokoll mit der vollständig antagonisierbaren Anästhesie gewählt werden. Eine gute Alternative ist die Kombination aus: 0,2 – 0,5 mg/kg Butorphanol + 0,05 – 0,12 mg/kg Medetomidin + 10 – 20 mg/kg Ketamin in Mischspritze i.m.. Falls notwendig kann die Narkose per Inhalationsanästhesie aufrechterhalten werden. Sauerstoff sollte stets verabreicht werden. Eine Antagonisierung von Medetomidin mit Atipamezol wäre nach 40min möglich.

Für Laparotomien bzw. Weichteil-Op`s bietet sich je nach Zustand des Patienten neben der vollständig antagonisierbaren Anästhesie ein Buprenorphin-basiertes Protokoll an.

Mindestens 30min prä OP: 0,03 mg/kg Buprenorphin s.c. + 50 mg/kg Metamizol s.c.

0,1 – 0,2 mg/kg Medetomidin + 7 – 10 mg/kg Ketamin in Mischspritze i.m. oder 0,5 – 1,0 mg/kg Midazolam + 7 – 10 mg/kg Ketamin in Mischspritze i.m.

Falls notwendig Vertiefung der Narkose mit Propofol oder Alfaxalon langsam i.v. nach Effekt. Die Aufrechterhaltung der Narkose sollte per Inhalationsanästhesie erfolgen.

Falls keine Inhalationsanästhesie möglich ist, muss je nach Zustand des Patienten und des geplanten Eingriffs entschieden werden, ob eine Erhaltung der Narkose per Injektion vertretbar ist. Hierzu würde man 1/3 – 1/2 der ursprünglichen Dosis i.m. oder s.c. verabreichen. Allerdings besteht das Problem der schlechten Steuerbarkeit und der Akkumulation der Medikamente. Eine TIVA ist beim Kaninchen ebenfalls möglich, dennoch kommt es zur Akkumulation der Medikamente und die Tiere sollten intubiert und Sauerstoff verabreicht werden. Eine Möglichkeit ist die Kombination aus Propofol und Ketamin (0,6 – 1,0 mg/kg/min: 0,3 – 0,5 mg/kg/min Propofol + 0,3 – 0,5 mg/kg/min Ketamin) oder Alfaxalon (4 – 10 mg/kg/h).

Perioperativ sollte ein adäquates Wärmemanagement, die regelmäßige Gabe von befeuchtender Augensalbe und eine angepasste Infusionstherapie als Dauertropfinfusion (10 ml/kg/h Vollelektrolytlösung) erfolgen.

SG: Was sollte in der Aufwachphase und der unmittelbaren postoperativen Phase beachtet werden?

JW: Die Aufwachphase stellt eine kritische Phase dar, 64 % der Todesfälle geschehen in dieser Phase der Anästhesie. Aus diesem Grund ist eine regelmäßige Überwachung wichtig. Die Tiere sollten in einer ruhigen, warmen und abgedunkelten Umgebung aufwachen. Die Infusionstherapie sollte mit dem Erhaltungsbedarf (30 – 50 ml/kg/d) fortgeführt werden. Nachdem die Tiere während der Narkose auskühlen, muss die Wärmetherapie so lange weitergeführt werden, bis die Kaninchen wieder normotherm sind und ihre Temperatur selbstständig halten können.

Neben Wärmematten sind auch Warmluftgebläse gut geeignet, bei Wärmelampen besteht die Gefahr der Verbrennung und von Hornhautulcera. Je nach gewähltem Anästhesieprotokoll empfiehlt sich die Antagonisierung von verwendeten Medikamenten um die Nachschlafphase zu verkürzen. Manchmal kommt es durch Nachlassen der Antagonistenwirkung zu einer erneuten Sedation, in diesem Fall sollten die Anästhetika erneut antagonisiert werden.

Die Verabreichung von Sauerstoff kann je nach Patient sinnvoll sein. Eine ausreichende Analgesie sollte gewährleistet werden. Bei viszeralen Schmerzen ist die Kombination von Buprenorphin (0,01 – 0,05 mg/kg i.v. oder s.c. alle 6h und Metamizol (50 – 75mg/kg s.c. oder p.o. alle 6h) sinnvoll, bei somatischen Schmerzen ist Buprenorphin und Meloxicam (0,3 – 0,5 mg/kg s.c. oder p.o. 1xtgl.) besser geeignet. Für geringgradige postoperative Schmerzen ist Butorphanol (0,1 – 0,5 mg/kg i.v. oder s.c. alle 4h) gut geeignet. Das zeitnahe Zufüttern (1 – 2 h post OP) von Kaninchen ist auch bei gesunden Kaninchen zu empfehlen. Sobald der Schluckreflex sicher vorhanden ist, sollte langsam mit 5ml/kg begonnen werden, die Menge kann dann stündlich gesteigert werden.

SG: Welche Hinweise sollten die Kaninchenbesitzer bei der Entlassung nach ambulant durchgeführten Narkosen mit auf den Weg gegeben werden?

Kaninchen sollten erst entlassen werden, wenn sie wieder selbstständig steh- und gehfähig sind und ihre Körpertemperatur halten können. Dennoch kann die Temperatur auch durch den Besitzer nochmals kontrolliert werden, um mögliche Komplikationen frühzeitig zu erkennen. Oft zeigen Kaninchen zwar eine selbstständige Futteraufnahme, diese ist aber oft nicht adäquat, sodass ein weiteres Zufüttern durch den Besitzer nötig ist. Dies sollte so lang erfolgen, bis die gewohnte Futtermenge wieder eigenständig aufgenommen wird. In diesem Zusammenhang bietet es sich an, das Kaninchen regelmäßig zu wiegen um eine mögliche Gewichtsabnahme schnell zu erkennen und dieser entgegenzuwirken. Neben der regelmäßigen Eingabe der verordneten Medikamenten sollte je nach Eingriff die Operationsnarbe kontrolliert werden. Da Kaninchen Krankheitssymptome oft sehr lang verstecken, muss bei reduziertem Allgemeinbefinden, Hypothermie, fehlender Futteraufnahme oder Anzeichen auf Wundheilungsstörung umgehend ein Tierarzt aufgesucht werden.

Zum Weiterlesen

  1. AnästhesieSkills – Perioperatives Management bei Klein-, Heim- und Großtieren. Eberspächer-Schweda E, Hrsg. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Thieme; 2020
  2. Veterinary Anesthesia and Analgesia, The 6th Edition of Lumb and Jones. Leigh Lamont, Kurt Grimm, Sheilah Robertson, Lydia Love, Carrie Schroeder. Wiley-Blackwell; 2024
  3. Voigt, Lena Carolin (2019). Vorbereitung des Kaninchens auf eine Allgemeinanästhesie – Wie Sie das Narkoserisiko senken können. kleintier konkret 2019; 22(S01): 9 – 14.
  4. Voigt, Lena Carolin (2019). Anästhesie beim Kaninchen – Teil 2: Wichtiges zur Prämedikation, Einleitung und Erhaltung. kleintier konkret 2019; 22(S02): 10 – 16.
  5. Voigt, Lena Carolin (2020).Anästhesie beim Kaninchen – Teil 3: Welches Anästhesieprotokoll für welchen Patienten?. kleintier konkret 2020; 23(S01): 11 – 17.
  6. Voigt, Lena Carolin (2020). Anästhesie beim Kaninchen – Teil 4: Überwachung des Anästhesiepatienten. kleintier konkret 2020; 23(S02): 16 – 21.
  7. Seemann, Frauke; Alef, Michaele (2013). Intubation des Kaninchens – Techniken und Alternativen. kleintier konkret 2013; 16(05): 21 – 26.

Über Dr. Sarah Gutmann

Tierärztin im weißen Kittel hält einen schwarz-braunen Dackel im Arm.

Sarah Gutmann ist Fachtierärztin für Klein- und Heimtiere mit der Zusatzbezeichnung Neurologie und der Zusatzbezeichnung Physiotherapie. Ihre Expertise und Leidenschaft gilt der klinischen Neurologie und Neurorehabilitation. Im Bereich Rehabilitation hat sie sich als Certified Canine Rehabilitation Practitioner (CCRP) und Akademische Expertin für veterinärmedizinische Physikalische Therapie und Rehabilitation (Universität Wien) qualifiziert.

Nach ihrer Promotion und Tätigkeit in der Abteilung für Neurologie und Neurochirurgie in Leipzig, hat sie NEUROVETMOVE, eine spezialisierte Tierarztpraxis für Neurologie und Physiotherapie in Markkleeberg, gegründet und steht dort als Ansprechpartnerin zur Verfügung.

Sarah Gutmann ist Fachtierärztin für Klein- und Heimtiere mit der Zusatzbezeichnung Neurologie und der Zusatzbezeichnung Physiotherapie. Ihre Expertise und Leidenschaft gilt der klinischen Neurologie und Neurorehabilitation. Im Bereich Rehabilitation hat sie sich als Certified Canine Rehabilitation Practitioner (CCRP) und Akademische Expertin für veterinärmedizinische Physikalische Therapie und Rehabilitation (Universität Wien) qualifiziert.

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