Für diesen Blogbeitrag habe ich mich mit der Reptilientierärztin Anett Dreihaupt über die Probleme in der Reptilienhaltung und speziell über die Metabolic Bone Disease beim Reptil unterhalten. Anett ist Reptilientierärztin durch und durch und stand mir schon in der Vergangenheit zu einigen Exotenmedizin-Themen Rede und Antwort. Sie hat 2020 erfolgreich ihr Studium in Leipzig abgeschlossen. Schon während des Studiums zeigte sie besonderes Interesse an Vögeln und Reptilien und arbeitete als studentische Hilfskraft in der Klinik für Vögel und Reptilien in Leipzig. Diese Arbeit faszinierte Anett so sehr, dass sie direkt nach dem Studium als Doktorandin in der Klinik für Vögel und Reptilien der Universität Leipzig begann. Sie trägt die „Zusatzbezeichnung Reptilien“ und bildet sich derzeit im Rahmen der „Zusatzbezeichnung Zier-, Zoo- und Wildvögel“ weiter. Sie ist sowohl als Stationstierärztin in der Klinik tätig, als auch im Bereich Lehre und Ausbildung der StudentInnen involviert und hält regelmäßig Vorträge in Ihrem Gebiet bei Tagungen und Kongressen.
SG: Wie lautet der typische Vorbericht bei Reptilien mit MBD? Warum kommen die Besitzer in die Praxis?
AD: Ein typischer Vorbericht sind Inappetenz, Bewegungsunlust und Apathie. MDB tritt häufig bei juvenilen Reptilien auf.
SG: Welche Symptome zeigen Reptilien mit MBD?
AD: Klassische Symptome dieser Erkrankung sind Knochendeformationen, Lahmheit, Panzerweiche bei Schildkröten, Schwellung der Gliedmaßen, Kieferverformungen, Kloakal- und Rektalprolaps.
Abbildung 1: Griechische Landschildkröte, 10 Jahre, mit abgeflachtem Panzer und überlangem Schnabelwachstum aufgrund jahrelanger falscher Haltung und Fütterung. (Bildquelle: Anett Dreihaupt, Klinik für Vögel und Reptilien Leipzig, Universität Leipzig)
Abbildung 2: Griechische Landschildkröte, 5 Jahre, mit abgeflachtem weichem Panzer, verdicktem Plastron und überlangem Schnabelwachstum aufgrund jahrelanger falscher Haltung und Fütterung. (Bildquelle: Anett Dreihaupt, Klinik für Vögel und Reptilien Leipzig, Universität Leipzig)
Abbildung 3: Bartagame mit hochgradig verkrümmten Knochen aufgrund MBD. (Bildquelle: Anett Dreihaupt, Klinik für Vögel und Reptilien Leipzig, Universität Leipzig)
Abbildung 4: Breitrandschildkröte mit hochgradig verwachsenem Panzer, Hemipenisvorfall und verengtem Carapax- Plastron-Spalt aufgrund zu energiereicher Fütterung und MBD. (Bildquelle: Anett Dreihaupt, Klinik für Vögel und Reptilien Leipzig, Universität Leipzig)
Abbildung 5: Griechische Landschildkröte mit stark abgeflachtem und höckerigem Panzer aufgrund MBD. (Bildquelle: Anett Dreihaupt, Klinik für Vögel und Reptilien Leipzig, Universität Leipzig)
SG: Welche Ursachen führen zur MBD? Was kann ich als Besitzer prophylaktisch tun?
AD: Die wichtigsten Ursachen bei dieser Erkrankung sind ein Defizit in der Kalzium-Supplementation, eine fehlende oder unzureichende UVB-Strahlung, falsches Kalzium-Phosphor-Verhältnis oder ein Vitamin-D3-Mangel.
Durch eine artgerechte Haltung, Fütterung und Supplementierung der Reptilien kann man MBD vermeiden.
SG: Wie stelle ich die Diagnose MBD?
AD: Meist erkennt man es schon während der allgemeinen Untersuchung. Sollte beispielsweise der Panzer bei Schildkröten oder der Kiefer bei Echsen pathologisch weich sein, so leidet dieses Reptil an MBD.
Weitere etablierte Diagnostiken bei Reptilien mit diesem Krankheitsbild sind Blutbild, Blutchemie (hier ist die Bestimmung des ionisierten Kalziumwertes sensibler), Röntgen und Ultraschall.
Wer natürlich ein CT zur Verfügung hat, kann die reduzierte Knochendichte dort oftmals noch viel besser feststellen.
Abbildung 6: Dorsoventrale Aufnahme einer Griechischen Landschildkröte mit reduzierter Knochendichte (blasige Knochenstruktur). (Bildquelle: Anett Dreihaupt, Klinik für Vögel und Reptilien Leipzig, Universität Leipzig)
Abbildung 7: Laterolaterale Aufnahme einer Griechischen Landschildkröte. (Bildquelle: Anett Dreihaupt, Klinik für Vögel und Reptilien Leipzig, Universität Leipzig)
SG: Gibt es Differentialdiagnosen, die abgeklärt werden müssen?
AD: Der Krankheitskomplex MBD ist häufig bedingt durch einen nutritiven/alimentären Hyperparathyreoidismus oder durch eine Nierenfunktionsstörung.
Hier ist immer eine Abklärung der Nierenfunktion wichtig. Dies kann durch eine blutchemische Untersuchung und einer Ultraschalluntersuchung der Nieren erfolgen.
Äußert selten kann diese Erkrankung durch einen primären Hyperparathyreoidismus durch z.B. ein Neoplasie oder Hyperplasie der Nebenschilddrüsen entstehen. Hier gibt es jedoch nur sehr wenig beschriebene Fälle.
Bei Jungtieren ist als Differentialdiagnose auch Picornavirus bei Schildkröten zu nennen.
Außerdem kann auch ein hoher Befall mit Oxyuriden eine verschlechterte Aufnahme von Kalzium aus der Nahrung begünstigen.
SG: Welche Behandlungsoptionen gibt es?
AD: Das wichtigste ist eine Haltungs- und Fütterungsanpassung. Am häufigsten sehen wir MBD bei Europäischen Landschildkröten die in Terrarien drinnen gehalten werden. Dies ist keinerlei artgerecht, sie benötigen IMMER ein Außengehege mit Schutzhaus und Wärme-/UV-Lampen.
Außerdem werden bei Terrarientieren oftmals eine nicht ausreichende UVB-Lampe verwendet. Hier werden die BesitzerInnen oftmals schon in den Zooläden falsch beraten. Die derzeit besten und langlebigsten UVB-Lampen auf dem Markt sind Metalldampflampen mit speziellen Vorschaltgeräten.
Außerdem benötigen Reptilien mit MBD eine tägliche Kalziumsupplementierung mit adäquater UVB-Beleuchtung. Bei einer chronischen Erkrankung kann eine Infunsionsgabe mit Zwangsfütterung nötig sein. Außerdem ist eine blutchemische Untersuchung anzuraten, um evt. eine Nierentherapie anzuschließen, bzw. um die Prognose besser einzuschätzen.
SG: Wie sieht die Prognose aus?
AD: Die Prognose ist bei MDB häufig schwierig und bei bestehender Nierenerkrankung oftmals auch schlecht.
Sollte die Nierenfunktion noch unbeeinträchtigt sein und die BesitzerInnen die Haltung sofort anpassen kann sich das Reptil nach einer langen Zeit auch wieder erholen. Jedoch bleiben häufig die Knochendeformierungen zeitlebens bestehen.
Da ich derzeit eine Doktorarbeit zu diesem Thema schreibe, kann ich sagen, dass eine Europäische Landschildkröte mit einem sehr weichen Panzer fast zwei Jahre benötigt, damit der Panzer wieder komplett aushärtet.
Zum Weiterlesen
- Baines FM. Lighting. In: Doneley B, Monks D, Johnson R, Carmel B, eds. Reptile Medicine and Surgery in Clinical Practice. Newark: John Wiley & Sons Incorporated; 2017. p. 75–90. doi:10.1002/9781118977705.ch6.
- Divers SJ, Stahl SJ, editors. Mader’s Reptile and Amphibian Medicine and Surgery. 3rd ed. Missouri: Elsevier; 2019.
- Eatwell K. Nutritional Secondary Hyperparathyroidism in Reptiles. In: Rand JS, ed. Clinical endocrinology of companion animals. Ames, Iowa: Wiley-Blackwell; 2013. p. 396–403. doi:10.1002/9781118997093.ch37.
- Geier T, Kiefer T. Freigehege für Europäische Landschildkröten: Ein Leitfaden für eine naturnahe Haltung im eigenen Garten. 1st ed. Biebertal, Hessen: Kleintierverlag; 2021.
- Klaphake E. A fresh look at metabolic bone diseases in reptiles and amphibians. Vet Clin North Am Exot Anim Pract. 2010;13(3):375–92. doi:10.1016/j.cvex.2010.05.007.
- Klaphake E. UV light in reptiles: the latest you should know; 2016.
- Kölle P. Die Schildkröte: Heimtier und Patient. 1st ed. Stuttgart: Enke; 2008.
- Krautwald-Junghanns ME, Pees M, Reese S, Tully T, editors. Atlas der bildgebenden Diagnostik bei Heimtieren. Hannover: Schlütersche; 2009.
- Kumar R. Metabolic Bone Diseases of Captive Mammal, Reptile and Birds. APDV 2018. doi:10.31031/apdv.2018.03.000563.
- McArthur S, Wilkinson R, Meyer J, editors. Medicine and Surgery of Tortoise and Turtles. 2nd ed. Oxford: Blackwell Publishing Ltd; 2004.
- Pees M, editor. Leitsymptome bei Reptilien. Stuttgart: Enke; 2015.(Eatwell 2013; Pees 2015; Divers and Stahl 2019; Klaphake 2010; Kumar 2018; Kölle 2008; McArthur et al. 2004; Klaphake 2016; Geier and Kiefer 2021; Baines 2017; Krautwald-Junghanns et al. 2009)
Über Dr. Sarah Gutmann
Sarah Gutmann ist Fachtierärztin für Klein- und Heimtiere mit der Zusatzbezeichnung Neurologie und der Zusatzbezeichnung Physiotherapie. Ihre Expertise und Leidenschaft gilt der klinischen Neurologie und Neurorehabilitation. Im Bereich Rehabilitation hat sie sich als Certified Canine Rehabilitation Practitioner (CCRP) und Akademische Expertin für veterinärmedizinische Physikalische Therapie und Rehabilitation (Universität Wien) qualifiziert.
Nach ihrer Promotion und Tätigkeit in der Abteilung für Neurologie und Neurochirurgie in Leipzig, hat sie NEUROVETMOVE, eine spezialisierte Tierarztpraxis für Neurologie und Physiotherapie in Markkleeberg, gegründet und steht dort als Ansprechpartnerin zur Verfügung.
Sarah Gutmann ist Fachtierärztin für Klein- und Heimtiere mit der Zusatzbezeichnung Neurologie und der Zusatzbezeichnung Physiotherapie. Ihre Expertise und Leidenschaft gilt der klinischen Neurologie und Neurorehabilitation. Im Bereich Rehabilitation hat sie sich als Certified Canine Rehabilitation Practitioner (CCRP) und Akademische Expertin für veterinärmedizinische Physikalische Therapie und Rehabilitation (Universität Wien) qualifiziert.
Nach ihrer Promotion und Tätigkeit in der Abteilung für Neurologie und Neurochirurgie in Leipzig, hat sie NEUROVETMOVE, eine spezialisierte Tierarztpraxis für Neurologie und Physiotherapie in Markkleeberg, gegründet und steht dort als Ansprechpartnerin zur Verfügung.



