Thema Zahnmedizin: Krumm und schief – das Gebiss von brachyzephalen Hunden und die damit verbundenen Probleme

In diesem Fachinterview von Dr. Sarah Gutmann beleuchtet Dr. Theresa Siegel aus der Klinik für Kleintiere der Universität Leipzig die oft unterschätzten, aber gravierenden zahngesundheitlichen Folgen der Brachyzephalie beim Hund. Basierend auf ihrer Dissertation zu morphometrischen Untersuchungen am Zahnbogen gibt die Expertin detaillierte Einblicke in die anatomischen Abnormitäten bei Rassen wie Mops und Französischer Bulldogge. Erfahren Sie, warum Zahnengstand, massive Rotationen und retinierte Zähne zu schmerzhaften Komplikationen wie Zysten oder oronasalen Fisteln führen können, warum herkömmliches Dentalröntgen für die Diagnostik oft nicht ausreicht und worauf Tierärzte sowie Halter bei der Prophylaxe und Behandlung dieser Patienten besonders achten müssen.

Ein Interview mit Dr. Theresa Siegel

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Abbildung: Dr. Theresa Siegel aus der HNO-Abteilung der Klinik für Kleintiere der Universität Leipzig

Brachyzephale Hunderassen mit schlechtem Zahnstatus werden regelmäßig in der Praxis vorgestellt. Um die Besonderheiten der kurzköpfigen Hunde näher zu beleuchten habe ich mit Dr. Theresa Siegel aus der Klinik für Kleintiere der Universität Leipzig gesprochen.

Theresa studierte in Leipzig Tiermedizin und begann anschließend als Tierärztin in der HNO Abteilung der Klinik für Kleintiere in Leipzig. Dort arbeitet Sie täglich mit brachyzephalen Patienten und behandelt diese sowohl im HNO-OP als auch im Zahn-OP. 2023 schloss sie die Zusatzbezeichnung HNO beim Kleintier erfolgreich ab. Ein besonderes Interesse hegte sie an den Zahnerkrankungen der brachyzephalen Hunderassen und promovierte 2025 zum Thema „Morphometrische Untersuchungen zum Zahnbogen brachyzephaler Hunde“.

Brachyzephale Hunderassen mit schlechtem Zahnstatus werden regelmäßig in der Praxis vorgestellt. Um die Besonderheiten der kurzköpfigen Hunde näher zu beleuchten habe ich mit Dr. Theresa Siegel aus der Klinik für Kleintiere der Universität Leipzig gesprochen.

Theresa studierte in Leipzig Tiermedizin und begann anschließend als Tierärztin in der HNO Abteilung der Klinik für Kleintiere in Leipzig. Dort arbeitet Sie täglich mit brachyzephalen Patienten und behandelt diese sowohl im HNO-OP als auch im Zahn-OP. 2023 schloss sie die Zusatzbezeichnung HNO beim Kleintier erfolgreich ab. Ein besonderes Interesse hegte sie an den Zahnerkrankungen der brachyzephalen Hunderassen und promovierte 2025 zum Thema „Morphometrische Untersuchungen zum Zahnbogen brachyzephaler Hunde“.

SG: Die komplexen Schädelfehlbildungen bei brachyzephalen Hunden führen zu massiven gesundheitlichen Problemen: Atemnot, neurologische Störungen, Augenverletzungen und Dermatitis sind die Folge. Die Verkürzung des Schädels hat außerdem auch erheblichen Einfluss auf die Zahngesundheit dieser Hunde.

Du hast für deine Doktorarbeit morphometrische Untersuchungen am Zahnbogen brachyzephaler Hunderassen durchgeführt.
Wie war die Studie aufgebaut und was sind die wesentlichen Erkenntnisse daraus?

TS: Dass brachyzephale Hunde unter multiplen körperlichen Fehlbildungen leiden, ist mittlerweile allen bekannt, und welche Probleme dadurch für Atemwege, Ohren, Augen, Wirbelsäule und Gelenke entstehen ist kein Mysterium mehr. Welchen Einfluss die Schädelmissbildung auf den Zahnbogen hat, wird in der Literatur zwar beschrieben, jedoch bisher nicht weiter quantifiziert. Ich habe in meiner Doktorarbeit an 3D-Modellen von normozephalen und brachyzephalen Hundeschädeln Messungen durchgeführt, um diese Veränderungen objektiv darstellen zu können. Dafür wurden CT-Scans von Hunden mit Hilfe eines Programms in 3D-Modelle umgewandelt und durch das Setzen von Landmarken konnten diverse Messungen durchgeführt werden. Die untersuchten brachyzephalen Rassen waren Mops, Französische und Englische Bulldogge. Die normozephalen Hunde gehörten unterschiedlichen großen und kleinen Rassen an.

Alle untersuchten normozephalen Hunde hatten eine normale Zahnanzahl von 42 Zähnen. Die brachyzephalen Hunde hatten mit median 39 Zähnen signifikant weniger Zähne. Jeder untersuchten brachyzephalen Rasse fehlten am häufigsten die M3 im Unterkiefer. Außerdem fehlte jeder Rasse ein weiterer Zahn gehäuft: dem Mops die P2 im Oberkiefer, der Französischen Bulldogge die P1 im Unterkiefer und der Englischen Bulldogge die P4 im Unterkiefer. Es war allerdings nicht möglich eine einheitliche Zahnformel für die einzelnen Rassen festzulegen, da jedes Einzeltier eine unterschiedliche Zahnformel aufwies.

Des Weiteren habe ich untersucht, wie ausgeprägt der Zahnengstand bei brachyzephalen Hunden ist. Mops und Französische Bulldogge sind davon am stärksten betroffen, hier waren die Unterschiede im Vergleich zu normozephalen Hunden signifikant. Zudem habe ich untersucht, inwieweit sich die Zähne im Kiefer verdrehen und konnte feststellen, dass es bei allen brachyzephalen Hunden zu einer deutlichen Rotation der Zähne kommt. Die Zähne im Oberkiefer stehen teilweise im 90-Grad-Winkel zur Mittellinie des Hartgaumens oder parallel nebeneinander oder rotieren zwischen die Wurzeln der benachbarten Zähne, hier ist jegliche Form der Zahnfehlstellung möglich. Auch diese Rotation ist bei jedem Einzeltier unterschiedlich und lässt sich nicht einheitlich für eine Rasse beschreiben.

SG: Aufgrund der Zahnfehlstellungen wird das frühzeitige Entstehen von Parodontopathien diskutiert.
Wie sind hier die Zusammenhänge zu sehen?
Gibt es Daten zur Prävalenz in den einzelnen Rassen oder ist eine Rasse besonders schlimm betroffen?

TS: Wenn Zähne nah beieinanderstehen, ist für den einzelnen Zahn weniger Platz, häufig sind diese Zähne von weniger Alveolarknochen umgeben und manche Zähne stehen so eng zusammen oder sind so stark rotiert, dass sich zwischen ihnen kein Gingivalsaum ausbilden kann. Kommt es dann noch beim Zahnwechsel zu einem unvollständigen Durchbruch des bleibenden Zahnes (sogenannte „Infra-Eruption“) bilden sich tiefe Zahntaschen, in denen sich Futterreste, Schmutz und Haare ansammeln können.

Diese Probleme finden sich bei fast allen brachyzephalen Hunden und können das frühzeitige Entstehen von Erkrankungen des Zahnhalteapparates zur Folge haben. Begünstigt wird die Problematik noch, wenn durch massive Fehlstellungen die Funktion des Scherengebisses eingeschränkt ist und dadurch die mechanische Reinigung der Zähne beim Kauen nicht oder nur eingeschränkt stattfinden kann.

In der Studie von Gioso et. al (2001) konnte gezeigt werden, dass kleine Hunde im Vergleich zu ihrem Kiefer größere Zähne und damit weniger Platz im Zahnbogen haben. Dadurch werden die oben genannten Probleme noch verstärkt. Somit sind die kleineren brachyzephalen Rassen wie Mops oder Shi Tzu häufiger von Parodontopathien und frühzeitigem Zahnverlust betroffen.

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Abbildung 1: Fehlstellungen

Abbildung 1: Die Prämolaren im Oberkiefer dieser 3 Jahre alten Französischen Bulldogge sind deutlich rotiert (#). Die Inzisivi 2 und 3 stehen sehr eng (*), sodass sich zwischen ihnen kein Gingivalsaum ausgebildet hat und sich bereits Futterreste und Haare in der entstandenen tiefen Zahntasche ansammeln konnten (gelber Pfeil). (Bildquelle: Dr. Theresa Siegel)

SG: Was gibt es über oronasale Defekte zu berichten? Wie hängt dies mit der Brachyzephalie zusammen?

TS: Oronasale Defekte können angeboren und erworben sein. Die klassischen angeborenen Gaumenspalten treten bei brachyzephalen Hunden häufiger auf als bei normozephalen Hunden und stellen für Züchter und Tierarzt eine große Herausforderung dar. Die Welpen müssen idealerweise über eine Ernährungssonde gefüttert werden, bis sie groß genug für eine Operation sind, um eine für diese Tiere oft lebensgefährliche Aspirationspneumonie zu verhindern und die Aufzucht ist mit erhöhtem finanziellem und personellem Aufwand verbunden. Oft brauchen die Tiere mehrere lange und schmerzhafte Operationen, bis der Defekt vollständig verschlossen werden kann.

Bei erworbenen oronasalen Defekten kommt es zu Symptomen wie vermehrtem Niesen oder Rückwärtsniesen, klarer bis milchiger oder eitriger Nasenausfluss und/oder Foetor ex ore. Ursachen können perforierende Fremdkörper, ein Einbiss der Unterkieferzähne in den Hartgaumen auf Grund von Fehlstellungen oder fortgeschrittene Parodontopathien sein.

Bei einer schwerwiegenden Parodontopathie kann es vor allem bei kleineren brachyzephalen Hunden schnell zum Durchbrechen der Entzündung in die Nasenhöhle kommen und eine chronische Rhinitis kann die Folge sein. Dies gilt für alle Zähne des Oberkiefers, auch die Inzisivi mit ihren sehr langen Wurzeln stehen bei brachyzephalen Hunden nah an der Nasenhöhle. Daher sollte generell bei Extraktionen darauf geachtet werden, einen spannungsfreien Wundverschluss der Wundhöhle zu erreichen.

Abbildung 2: Die Endoskopie der Nasenhöhle zeigt eine oronasale Fistel in der linken Nasenhöhle bei einem 6 Jahre alten Mops, entstanden durch einen apikalen Prozess beider Wurzeln des linken P3. Der Hund zeigte vermehrtes Niesen und einseitigen eitrigen Nasenausfluss, nach Entfernung des eitrigen Sekrets aus der Nasenhöhle waren die freiliegenden Zahnwurzeln zu sehen. (Bildquelle: Dr. Theresa Siegel)

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Abbildung 2: Oronasale Fistel

SG: Was bedeutet dies nun für die Praxis und vor allem für die Tierbesitzer?
Welche Maßnahmen zur Zahngesundheit bei brachyzephalen Rassen sollten ergriffen werden?
Wie sollte die Zahngesundheitsvorsorge bei diesen Rassen aussehen?

TS: Die massiven Fehlbildungen, die für jedes Einzeltier unterschiedlich sind, machen die Zahnbehandlung bei brachyzephalen Hunden manchmal zu einer Herausforderung, da man wortwörtlich auf alles gefasst sein muss.

Bildgebende Verfahren sind zwingend erforderlich, da der Großteil der Veränderungen unterhalb des Gingivalniveaus liegt und nur durch eine klinische Untersuchung nicht zu erfassen ist: retinierte oder impaktierte Zähne, odontogene Zysten, überzählige oder fusionierte Wurzeln oder apikale Prozesse können vorkommen und werden ohne Bildgebung übersehen. Döring et. al (2018) konnten nachweisen, dass das klassische Dentalröntgen bei brachyzephalen Hunden auf Grund der Fehlstellungen den Schnittbildverfahren unterlegen ist, weshalb ein CBCT oder Spiral-CT, wenn möglich, dem Dentalröntgen vorzuziehen ist. Bei Patienten mit Niesen/Rückwärtsniesen oder Nasenausfluss sind Schnittbildverfahren unumgänglich.

Bei brachyzephalen Hunden sollte idealerweise einmal jährlich eine professionelle Zahnbehandlung inklusive bildgebender Diagnostik erfolgen. Auch wenn die Hunde für die Besitzer keine Auffälligkeiten zeigen („Aber der frisst doch noch!“), zeigt ein Großteil der Patienten bereits in jungem Alter behandlungswürdige Zahnpathologien. Wenn nach dem Zahnwechsel ein fehlender Zahn auffällt, sollte auch bei jungen Tieren eine stomatologische Untersuchung und ein Dentalröntgen oder CT/CBCT durchgeführt werden, um retinierte bzw. impaktierte Zähne zu entfernen, bevor sich Retentionszysten bilden können.

Den Besitzern sollte zudem geraten werden, so gut wie möglich und bestenfalls täglich Zähne zu putzen und die Tiere zum Kauen zu animieren. Sehr harte Kauartikel sind wie auch bei normozephalen Hunden jedoch nicht zu empfehlen, um Zahnfrakturen zu vermeiden. Dennoch ist bei der Besitzeraufklärung zu beachten, dass auch mit allen oben genannten Maßnahmen der Zahnverlust nur verlangsamt und leider nur selten aufgehalten werden kann. Auf Grund der unter Frage 2 beschriebenen Veränderungen kann es auch bei bester Maulhygiene trotzdem zu Zahnverlust kommen.

SG: Gibt es Unterschiede oder besondere Vorsichtsmaßnahmen, die berücksichtigt werden müssen, wenn Zähne im brachyzephalen Hundekiefer entfernt werden müssen?

TS: Durch die Fehlstellungen kann es manchmal herausfordernd sein, Zähne zu ziehen. Erfahrungsgemäß gilt es bei brachyzephalen Zahnpatienten ein paar Besonderheiten zu beachten:

Die Gingiva der brachyzephalen Hunde ist sehr derb, weshalb die Gingiva immer gut vom Zahn gelöst werden sollte, bevor der Zahn extrahiert werden kann. Der Übergang von Gingiva zu Mucosa ist jedoch sehr dünn, weshalb bei offenen Extraktionen beim Mobilisieren eines Flaps darauf geachtet werden sollte einen präzisen und scharfen Periostheber zu verwenden, um den Flap nicht zu zerreißen. Das Periost kann derber sein als bei normozephalen Hunden, weshalb es gut eingeschnitten werden muss, um den Flap ausreichend mobilisieren zu können. Die Mucosa bei brachyzephalen Hunden ist dankbarerweise sehr dehnbar und reichlich vorhanden, was den Wundverschluss nach einer Extraktion meist erleichtert. Beim Adaptieren der Wundränder im Oberkiefer ist darauf zu achten, dass die Rugae palatinae derb und tief sein können. Der palatinale Wundrand muss daher gegebenenfalls ausgiebig aufgefrischt werden, um einen lückenlosen Wundverschluss zu gewährleisten.

Die Zahnwurzeln können verkrümmt oder fehlgebildet sein, weshalb bildgebende Verfahren vor einer Extraktion unumgänglich sind. In diesem Falle ist oft eine offene Extraktion erforderlich, um die Wurzeln restlos entfernen zu können. Im Unterkiefer stehen die Zahnwurzeln sehr nah am Canalis mandibularis oder enden sogar darin, weshalb darauf geachtet werden muss die Gefäße und Nerven nicht zu verletzen.

Die Zähne können sehr eng zueinander und im Oberkiefer sehr eng zur Nasenhöhle stehen, weshalb beim Bohren und Extrahieren große Vorsicht geboten ist, um gesunde benachbarte Zähne oder die Nasenhöhle nicht zu traumatisieren.

Beim Extrahieren ist Vorsicht beim Halten des Kopfes geboten, da es auf Grund der Anatomie der Orbita bei starker Krafteinwirkung zu einem Exophthalmus kommen kann.

Generell ist das Management von brachyzephalen Zahnpatienten ähnlich dem anderer Zahnpatienten: die Hunde müssen intubiert werden, um Aspiration von Spülflüssigkeit und Hypoxie während der Anästhesie zu vermeiden und eine gute Narkoseüberwachung hilft Zwischenfälle zu minimieren. Anschließend sollten die Tiere in der Aufwachphase in Brust-Bauch-Lage gelagert und der Kopf mit einer Schlinge am Oberkiefer angehoben werden (CAVE bei frisch vernähten Flaps im Oberkiefer ggf. eine andere Möglichkeit finden den Kopf erhöht zu positionieren!). Der Trachealtubus sollte erst entfernt werden, wenn die Tiere zuverlässig schlucken können.

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Abbildung 3: Extraktion retinierter Zähne

Abbildung 3: In Bild 1 sieht man ein klassisches Bild einer Zahnreihe beim Mops: rotierte und eng stehende Zähne, der Caninus (2. Zahn von rechts) ist nicht richtig durchgebrochen und es fehlt der P2. Ohne Bildgebung würde man keine Pathologie vermuten. Durch das CT wissen wir jedoch, dass sich in diesem Bereich 2 retinierte Zähne befinden.
Bild 2 zeigt den bereits präparierten Flap nach Extraktion des P1 und den freigelegten retinierten und doppelt angelegten P1 (grüner Pfeil).
Um den retinierten P2 in Bild 3 (gelber Pfeil) zu erreichen, musste der P3 extrahiert werden.
Bild 4 zeigt den Wundverschluss nach Extraktion des retinierten P2. Um die beiden retinierten Zähne zu ziehen, mussten 2 gesunde Zähne gezogen werden. Der Eingriff war nötig, da sich bereits Zysten gebildet hatten, die die Atmung des Hundes durch Verlegung der Nasenhöhle beeinträchtigt haben. (Bildquelle: Dr. Theresa Siegel)

SG: Wie sieht es mit oralen Zubildungen und Tumoren bei brachyzephalen Hunderassen aus?
Gibt es dort ebenfalls eine besondere Häufung?

TS: Retentionszysten kommen häufiger bei brachyzephalen Hunden vor, wobei Boxer und Mops hier überrepräsentiert sind, und die häufigsten retinierten oder impaktierten Zähne sind die P1 im Unterkiefer. Des Weiteren können die P1 im Oberkiefer oder die Canini retiniert oder impaktiert sein, prinzipiell kann aber jeder Zahn durch eine Störung im Zahnwechsel im Kiefer verbleiben und jeder dieser Zähne hat das Potential eine Zyste zu bilden. Diese können so groß werden, dass sie bereits bei der klinischen Untersuchung durch eine rundliche Schwellung des Kiefers im Bereich eines fehlenden Zahnes auffallen oder so viel Kieferknochen zerstören, dass es zu einer pathologischen Kieferfraktur kommt. Die Therapie besteht in einer Extraktion des retinierten Zahnes sowie der Entfernung der Zystenwand und ggf. Aufbau des Kieferknochens mit Knochenersatzmaterial.

Mit Ausnahme des Boxers kommen gewebliche Zubildungen (benigne und maligne) bei brachyzephalen Hunden nicht häufiger vor als bei normozephalen Hunden. Beim Boxer können vermehrt periphere odontogene Fibrome (früher Epulis) auftreten, aber auch maligne Tumore können vorkommen und lassen sich makroskopisch nicht sicher von benignen Zubildungen unterscheiden. Bei oralen Massen sollte immer eine histopathologische Untersuchung erfolgen.

Abbildung 4: Bei diesem 2 Jahre alten Mops war den Besitzern eine Umfangsvermehrung am linken Unterkiefer aufgefallen. Diese zeigte sich in einer derben, schmerzlosen Schwellung. Klinisch war die Maulhöhle unauffällig, im CT zeigte sich ein retinierter M3 mit Bildung einer massiven Zyste. Das Foto zeigt den Blick in die Zyste nach Extraktion des M2 und vor Entfernung des M3 und dem Débridement der Zystenwand. (Bildquelle: Dr. Theresa Siegel)

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Abbildung 4: Retentionszyste

SG: Zum Schluss noch ein kleiner Blick über den Tellerrand: Wir haben die ganze Zeit von brachyzephalen Hunderassen gesprochen.
Wie sieht es derzeit bei brachyzephalen Katzenrassen wie dem Perser oder der Exotic Shorthair aus? Sind die Probleme ähnlich? Auch von der Häufigkeit her?

TS: Auch bei brachyzephalen Katzen hat sich die Anatomie des Zahnbogens durch die Schädelmissbildungen verändert. Wir finden hier ähnliche Probleme wie bei den Hunden: Zahnrotation, Zahnengstand und fehlende Zähne können auftreten. Da die Katze jedoch weniger Zähne als der Hund hat, sind die Ausprägungen nicht so gravierend. Trotzdem wird auch bei brachyzephalen Katzen der Zusammenhang zwischen Zahnfehlstellungen und Parodontitis sowie eine Häufung von resorptiven Läsionen diskutiert. Das Dentalröntgen wird bei diesen Katzen durch den sehr prominenten Jochbogen häufig erschwert und Zahnbehandlungen können anspruchsvoller sein als bei normozephalen Katzen. Auch hier ist die Nähe der Zähne zueinander und zur Nasenhöhle zu beachten, aber vor allem muss bei der Extraktion der kaudalen Prämolaren im Oberkiefer darauf geachtet werden den Augapfel nicht zu traumatisieren, da die knöcherne Begrenzung zur Orbita sehr dünn sein kann.

Zum Weiterlesen

Bücher:

  1. Breed Predispositions to Dental and Oral Disease in Dogs
    https://onlinelibrary.wiley.com/doi/book/10.1002/9781119552031
  2. Health and Welfare of Brachycephalic (Flat-faced) Companion Animals: A Guide for Veterinary Professionals
    https://www.researchgate.net/publication/353151591_Health_and_Welfare_of_Brachycephalic_Flat-faced_Companion_Animals_A_Guide_for_Veterinary_Professionals

Paper:

  1. Babbitt SG, Krakowski Volker M, Luskin IR. Incidence of Radiographic Cystic Lesions Associated With Unerupted Teeth in Dogs. J Vet Dent. 2016 Dec;33(4):226-233. doi: 10.1177/0898756416683490. PMID: 28218030.
  2. Döring S, Arzi B, Hatcher DC, Kass PH, Verstraete FJM. Evaluation of the diagnostic yield of dental radiography and cone-beam computed tomography for the identification of dental disorders in small to medium-sized brachycephalic dogs. Am J Vet Res. 2018 Jan;79(1):62-72. doi: 10.2460/ajvr.79.1.62. PMID: 29287156.
  3. Tipirneni Y, Soltero-Rivera M, Blandino A, Goldschmidt S. Understanding canine oral neoplasia: intrinsic rather than extrinsic features represent key risk factors in a 39-year analysis. J Am Vet Med Assoc. 2024 Dec 6;263(3):368-376. doi: 10.2460/javma.24.09.0594. PMID: 39642465.
  4. Ekenstedt KJ, Crosse KR, Risselada M. Canine Brachycephaly: Anatomy, Pathology, Genetics and Welfare. J Comp Pathol. 2020 Apr;176:109-115. doi: 10.1016/j.jcpa.2020.02.008. Epub 2020 Mar 17. PMID: 32359622; PMCID: PMC7380493.
  5. Mestrinho LA, Louro JM, Gordo IS, Niza MMRE, Requicha JF, Force JG, Gawor JP. Oral and dental anomalies in purebred, brachycephalic Persian and Exotic cats. J Am Vet Med Assoc. 2018 Jul 1;253(1):66-72. doi: 10.2460/javma.253.1.66. PMID: 29911947.

Dissertation:

  1. Morphometrische Untersuchungen zum Zahnbogen brachyzephaler Hunde
    https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:15-qucosa2-1002824

Über Dr. Sarah Gutmann

Tierärztin im weißen Kittel hält einen schwarz-braunen Dackel im Arm.

Sarah Gutmann ist Fachtierärztin für Klein- und Heimtiere mit der Zusatzbezeichnung Neurologie und der Zusatzbezeichnung Physiotherapie. Ihre Expertise und Leidenschaft gilt der klinischen Neurologie und Neurorehabilitation. Im Bereich Rehabilitation hat sie sich als Certified Canine Rehabilitation Practitioner (CCRP) und Akademische Expertin für veterinärmedizinische Physikalische Therapie und Rehabilitation (Universität Wien) qualifiziert.

Nach ihrer Promotion und Tätigkeit in der Abteilung für Neurologie und Neurochirurgie in Leipzig, hat sie NEUROVETMOVE, eine spezialisierte Tierarztpraxis für Neurologie und Physiotherapie in Markkleeberg, gegründet und steht dort als Ansprechpartnerin zur Verfügung.

Sarah Gutmann ist Fachtierärztin für Klein- und Heimtiere mit der Zusatzbezeichnung Neurologie und der Zusatzbezeichnung Physiotherapie. Ihre Expertise und Leidenschaft gilt der klinischen Neurologie und Neurorehabilitation. Im Bereich Rehabilitation hat sie sich als Certified Canine Rehabilitation Practitioner (CCRP) und Akademische Expertin für veterinärmedizinische Physikalische Therapie und Rehabilitation (Universität Wien) qualifiziert.

Nach ihrer Promotion und Tätigkeit in der Abteilung für Neurologie und Neurochirurgie in Leipzig, hat sie NEUROVETMOVE, eine spezialisierte Tierarztpraxis für Neurologie und Physiotherapie in Markkleeberg, gegründet und steht dort als Ansprechpartnerin zur Verfügung.

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